01.12.2009

Nachwuchs-Revolutionär Fabian F. Fröhlich macht mobil

Kennen Sie die TV-Werbung für den neuen Dacia? Dann wissen Sie, dass selbst Fidel Castro, Karl Marx und Lenin inzwischen Schwierigkeiten haben, die Massen für eine Revolution zu begeistern. Dann schon eher für Dinge, die „die Menschheit wirklich braucht“ – einen billigen Mittelklassewagen zum Beispiel. Große Visionen sind nicht mehr angesagt, Individuelles steht jetzt ganz oben auf der Agenda. Wer dennoch Leute für die gute Sache mobilisieren will, muss sich eben was einfallen lassen.

Tolle Beispiele gibt’s zuhauf. Ich fühle mich da sofort angesprochen, wenn mir eine Aktion erfolgsversprechend scheint. Okay, meine Frau guckte letztens ziemlich komisch, als ich vom Einkaufen mit zwei Packungen Pampers zurückkam. Unser Sohn ist jetzt sechs Jahre alt und aus dem Windelalter raus. Aber weltweit den Tetanus zu besiegen war es mir wert! Ich würde auch was kaufen, was hilft, Krankheiten mit Tiernamen zu besiegen. Das hat aber noch kein Unternehmen für sich entdeckt. Dabei sieht es bestimmt gut aus: Auf der Verpackung stünde zum Beispiel „Herta gegen den Wurst Case – mit dem Kauf dieser Putensalami rotten Sie die Schweinegrippe aus“.

Wobei: Die Angst vor Ansteckung löst so manches gesellschaftliche Problem. Wenn uns die Grippe noch bis zu den Sommerferien erhalten bleibt, brauchen die Studenten nicht mehr wegen überfüllter Hörsäle zu streiken. Und dann muss man nicht mehr so lange auf ein Taxi warten. Die kreativen Protestaktionen unseres akademischen Nachwuchses würden mir allerdings schon fehlen. Früher, zu meiner Zeit, ging man mit Bannern auf die Straße und rief „Stasi in die Produktion!“. Heute weiß man, dass es in der Produktion keine freien Arbeitsplätze für IMs gibt – schon eher bei der Telekom. Und man demonstriert nicht mehr – man nimmt an Flashmobs teil: Beim öffentlichen Limbotanzen wird da zum Beispiel ausgetestet, wie tief das Bildungsniveau noch sinken kann. Dann fällt’s der Öffentlichkeit wenigstens auf.

Ich werde fürs Wochenende auch ein paar Flashmobs organisieren – gute Taten im Advent. Samstag, 14 Uhr, Elbufer: Jeder hebt ein Stück Müll auf und steckt es in die Abfalltonne. Sonntag, 10 Uhr, Kirchenhaupteingang: Alle werfen einen Euro ins Kollektekörbchen. Sonntag, 16 Uhr, vor dem Seniorenheim: Alle singen gemeinsam „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!“ – nee das ist jetzt doch zu sozialkritisch! Lieber vor dem Quelle-Shop: „Herbei oh ihr Gläubiger“.

Na ja, nächste Woche ist Kinderflashmob. Alle treffen sich pünktlich vier Uhr mit Lampions vor der Kita. Die Polizei wird die Strecke ordnungsgemäß absperren. Mal sehen, ob’s auch in den Nachrichten kommt.

Die komplette Ausgabe Winter/2009 finden Sie in unserem Archiv.

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